Nach Covid: Warum Unternehmen ihre Beschäftigten in den Mittelpunkt stellen müssen

Nach Covid: Warum Unternehmen ihre Beschäftigten in den Mittelpunkt stellen müssen

Mehr als zwei Jahre nachdem die Covid-19-Pandemie weite Teile der Welt lahmgelegt hat, steht es um die Beschäftigten nicht zum Besten. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer rund um den Globus fühlen sich nach eigenen Angaben müde und ausgebrannt. Viele Monate lang mussten sie mit den Folgen der Pandemie zurechtkommen, die mehrere Bereiche ihres Lebens auf den Kopf gestellt hat.

Die Schlagzeilen des vergangenen Jahres zeigen, wie groß die Krise ist.

Mindestens zwei der genannten Studien weisen auf eine Kluft zwischen Unternehmensführung und Belegschaft hin.

„Arbeitgeber haben möglicherweise den Bezug zur tatsächlichen Kultur in ihrem Unternehmen verloren“, heißt es in der Studie des HR-Softwareanbieters Personio. „Und wenn sie nicht merken, dass sich ihre Beschäftigten ausgebrannt oder nicht wertgeschätzt fühlen, steht ihre Arbeitgebermarke auf dem Spiel.“

Eine dieser Diskrepanzen betrifft die Frage, warum Beschäftigte gehen: HR-Verantwortliche sehen dafür andere Gründe als die Beschäftigten selbst. So ergab die Personio-Studie, dass HR-Verantwortliche eingefrorene oder gekürzte Gehälter sowie eine schlechtere Work-Life-Balance für die wichtigsten Kündigungsgründe halten. Die Beschäftigten nannten jedoch auch eine toxische Arbeitskultur als entscheidenden Faktor. In Großbritannien und Irland spielt eine toxische Kultur dabei eine größere Rolle (18 % nennen sie als Grund) als in Europa (11 %).

Laut dem Microsoft Work Trend Index Report 2021 geht es Führungskräften in Unternehmen besser als ihren Beschäftigten, und die Beschäftigten wissen das. „Führungskräfte haben den Kontakt zu ihren Mitarbeitenden verloren und brauchen einen Weckruf“, heißt es dort. 

Der Bericht mit dem Titel The Next Great Disruption Is Hybrid Work: Are We Ready? skizziert sieben Trends, die die Arbeitswelt nach Covid prägen dürften. Trend Nummer eins: Flexibles Arbeiten bleibt. Demnach wünschen sich 73 % der befragten Beschäftigten, auch künftig flexibel und remote arbeiten zu können. Der Bericht appelliert an Führungskräfte, hybrides Arbeiten als Schlüssel zu begreifen, um vielfältige Talente zu gewinnen und zu binden.  Zudem gaben 37 % der Befragten an, ihr Unternehmen verlange ihnen in der aktuellen Lage zu viel ab.

Einer der größten Streitpunkte zwischen Arbeitgebern und Beschäftigten scheint die Frage zu sein, wann die Beschäftigten ins Büro zurückkehren sollen. Eine Umfrage von PWC zum Thema Remote Work machte diese Kluft bereits im Januar 2021 deutlich. Demnach erwarteten 75 % der Führungskräfte, dass bis Juli mindestens die Hälfte der Büroangestellten wieder im Büro arbeiten würde. Dagegen gingen nur 61 % der Beschäftigten davon aus, bis dahin die Hälfte ihrer Zeit im Büro zu verbringen. Ähnlich sah es bei einer anderen Frage aus: 55 % der befragten Beschäftigten wollten nach dem Abklingen der Pandemie mindestens drei Tage pro Woche remote arbeiten, während 68 % der Führungskräfte erwarteten, dass die Beschäftigten mindestens drei Tage pro Woche im Büro sind.

Im Juni zeigte sich diese Diskrepanz ganz konkret bei Apple. Nach dem Ausbruch der Pandemie im März 2020 hatte der Tech-Konzern als eines der ersten großen Unternehmen seinen Beschäftigten Remote-Arbeit ermöglicht. Doch mehr als ein Jahr später, am 2. Juni, teilte Apple-CEO Tim Cook der gesamten Belegschaft in einem Memo mit, dass ab Anfang September wieder an drei Tagen pro Woche die Rückkehr an den Arbeitsplatz erwartet werde.

Die Belegschaft wehrte sich umgehend. In einem internen Schreiben, das The Verge vorliegt, hieß es, Apples Richtlinie zu Remote- und ortsflexiblem Arbeiten habe „bereits einige unserer Kolleginnen und Kollegen zur Kündigung gezwungen“.

„Ohne die Inklusion, die Flexibilität mit sich bringt, haben viele von uns das Gefühl, sich entscheiden zu müssen: entweder für eine Kombination aus Familie, Wohlbefinden und der Möglichkeit, unsere beste Arbeit zu leisten, oder dafür, Teil von Apple zu sein“, heißt es in dem Schreiben. „Im vergangenen Jahr haben wir uns oft nicht nur ungehört, sondern zeitweise regelrecht ignoriert gefühlt …. Es scheint eine Kluft zu geben zwischen der Art, wie die Geschäftsleitung über Remote- und ortsflexibles Arbeiten denkt, und dem, was viele Apple-Beschäftigte tatsächlich erleben.“

‚Menschen in den Mittelpunkt stellen‘

Was also müssen Unternehmen gegen die Unzufriedenheit ihrer Beschäftigten tun? Sie bremst die Produktivität und treibt die Fluktuation in die Höhe. Kurzfristig gehen dadurch verfügbare Kompetenzen verloren, langfristig leidet die Geschäftsentwicklung.

Weitgehend einig ist man sich darin, dass Unternehmen ihre Beschäftigten in den Mittelpunkt stellen müssen, um in der Welt nach Covid die Fluktuation einzudämmen und ihre Leistung zu steigern. Das bedeutet, die Wünsche der Beschäftigten zu berücksichtigen, wenn es um die Zukunft des Unternehmens geht.

„Unternehmen, die ihre Mitarbeitenden während der Pandemie nicht in den Mittelpunkt gestellt haben, könnten schlafwandelnd auf eine Abwanderung von Talenten, eine beschädigte Arbeitgebermarke und eine Produktivitätsflaute zusteuern“, heißt es im Report von Personio. „Und die negativen Folgen, die das unweigerlich für die Geschäftsentwicklung hat, werden erst sichtbar, wenn es zu spät ist.“

Der OC Tanner Report fordert Unternehmen ausdrücklich auf, auf ihre Beschäftigten zu achten, wenn sie künftig erfolgreich sein wollen. „Die Unternehmen, die in den nächsten 10 Jahren erfolgreich sind, werden eine Kultur schaffen, die ihre Beschäftigten wertschätzt und anerkennt“, heißt es in dem Bericht. „Wer Menschen Anerkennung schenkt, zeigt ihnen, dass sie dazugehören und einen entscheidenden Beitrag zum Unternehmenserfolg leisten. Unternehmen, denen das mit der richtigen Mischung aus Technologie und persönlicher Zuwendung gelingt, werden eine starke Wirkung auf ihre Mitarbeitenden und ihre Geschäftsergebnisse erleben.“

Der Microsoft-Bericht warnt Unternehmen vor den Risiken steigender Fluktuation: „[Unsere Ergebnisse zeigen, dass] die Beschäftigten an einem Wendepunkt stehen. Wie Unternehmen die nächste Phase der Arbeit angehen, ob sie die Flexibilität zulassen, die sich die Menschen bewahren wollen, und aus den Herausforderungen des vergangenen Jahres lernen, entscheidet darüber, wer bleibt, wer geht und wer letztlich zu Ihrem Unternehmen kommen möchte.“

Mikael Eng, Design Craft Manager bei DICE, einem weltweit führenden Videospielentwickler, sieht Flexibilität ebenfalls als entscheidend, um in der Welt nach Covid Talente zu gewinnen und zu halten. „Die ganze Welt weiß jetzt, dass man Filme, Spiele und Apps von zu Hause aus machen und sich dort auch weiterbilden kann“, sagt Eng. „Wer keine guten Talente verlieren will, muss zuhören und diese neue Zukunft eines hybriden Arbeitsplatzes, auf die wir zusteuern, aktiv ermöglichen.“

Post-Covid work trends expected to shape the future of work statistics

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